INTERVIEW

 

PROF. DR. MICHAEL HAGNER

> PROFIL 

 

Eigentlich hätte er Arzt werden können – doch nach dem Studium zog es Michael Hagner zur Wissenschaftsgeschichte. Sein besonderes Interesse gilt dem menschlichen Gehirn, entsprechende Themen wird er bei der KULTURZONE06 in den Panels „Willensfreiheit“ und „Abbildbarkeit von Wissenschaft“ diskutieren. Der Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich ist einer der vier wissenschaftlichen Beiräte der Kulturzone06. Mit Galore-Autorin Petra Engelke sprach er über Genialität, mögliche Verbindungen von Gehirnbildern und Strafrecht sowie über moralische Grenzen.  

 

Herr Hagner, Sie haben vor einigen Jahren einen Aufsatz über Albert Einsteins Gehirn geschrieben. Darin erzählen Sie unter anderem, wie der Pathologe Thomas Harvey selbiges gestohlen und in Würfel geschnitten hat. Hat ihn das glücklich gemacht?

Das weiß ich nicht. Aber nach dem, was man von Thomas Harvey rekonstruieren kann, war er ein extrem unglücklicher Mensch. Er musste die Universität Princeton verlassen, erlebte einen sozialen Abstieg. Ihm lief die Frau weg und er lebte irgendwann als vollkommen zurückgezogener alter Mann irgendwo im mittleren Westen der USA. Mit dem Glück dieses Mannes ist es also so eine Sache. Aber er dachte wohl, dass er mit Einsteins Gehirn einen Schatz besitzt, den er hüten muss. Ich habe kein Interesse daran, die Geschichte zu psychologisieren oder gar zu psychopathologisieren. Sie zeigt aber durchaus, wie ein so berühmtes Gehirn wie das von Einstein zu einem Fetisch wurde. 

 

Was verspricht man sich davon, Gehirne berühmter Menschen zu konservieren? Will man anatomische Anhaltspunkte für Genialität finden?

Ich habe diesem Thema das Buch „Geniale Gehirne“ gewidmet, in dem ich zu zeigen versucht habe, dass die Suche nach besonderen Talenten und Genialität im Gehirn zwar quantitativ keinen so großen Anteil an der Gehirnforschung ausmachte, diese Forschung aber qualitativ die anthropologische Speerspitze war, mit der die psychologischen, gesellschaftlichen und kulturellen Ambitionen der kognitiven Gehirnforschung versuchsweise vorformuliert wurden. Man hat zunächst Schädel der großen Denker untersucht – ganz einfach, weil man die Gehirne nicht hatte. Ihnen widmete man sich später.  

 

Mit Erfolg?

Nein, das ist der Witz an dieser Geschichte: Man hat nie etwas Vernünftiges gefunden, keiner konnte sagen: „Wir haben die Genialität im Gehirn entdeckt.“ Trotzdem hat man bis Mitte des 20. Jahrhunderts weitergesucht. Heute veröffentlicht eine Boulevardzeitung Bilder von Gregor Gysis und Axel Schulz’ Gehirn. Die so genannten bildgebenden Verfahren haben dazu beigetragen, dass die Hirnforschung in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Wie haben solche Verfahren das Forschungsinteresse beeinflusst?Die kognitive Hirnforschung hat sich verändert, aber sie ist nur ein Teil der Hirnforschung. Das Feld der Neurosciences ist unendlich viel größer, und der größte Teil hat überhaupt nichts mit Intelligenz, Geist oder Emotionen zu tun. Dieser kleiner Teil ist aber der bekannteste und wird aus guten Gründen zurzeit am meisten diskutiert. Die bildgebenden Verfahren, die Sie ansprachen, haben die Forscher in eine Goldgräberstimmung versetzt. 

 

Was genau ist das Neue daran?

Die Forscher können nun alle möglichen Fragestellungen experimentell untersuchen, indem sie Menschen in diese Apparaturen schieben, sie Aufgaben lösen lassen und dann schauen, was mit der Durchblutung des Gehirns passiert. Das wird dann gemessen.  

 

Warum ist dieser Aspekt der Hirnforschung für die Öffentlichkeit so spannend?

Hier werden Untersuchungen gemacht, die für das Selbstverständnis von uns Menschen in der Wissensgesellschaft eine wichtige Funktion haben. Denken Sie an Untersuchungen über gewisse Andersartigkeiten des Gehirns bei Verhaltensauffälligkeiten, etwa bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder bei aggressiven Kriminellen. Da ist es natürlich eine spannende Frage, was die Hirnforschung zur Erkennung und gar zur Behandlung solcher Auffälligkeiten beitragen kann. Natürlich gibt es sofort kontroverse Diskussion darüber, inwieweit moralische Grenzen überschritten werden.

 

Sie werden auf der Kulturzone 06 auf den Hirnforscher Wolf Singer treffen, der im vergangenen Jahr mit der Ansicht von sich reden machte, der freie Wille sei auch strafrechtlich betrachtet nur eine Illusion.

Ich habe diese Diskussion mit zunehmendem Unbehagen verfolgt. Wolf Singer – ein renommierter und großartiger Hirnforscher – vertritt die These, dass die Hirnforschung keinen Raum für den freien Willen lässt. Diese These ist schon vor 200 Jahren vertreten worden. Die Diskussion, ob es einen freien Willen gibt, hat es in der Hirnforschung und der Philosophie um 1800 gegeben, dann Mitte des 19. Jahrhunderts, im frühen 20. Jahrhundert, nach dem Zweiten Weltkrieg – und jetzt gibt es sie wieder. Die These hat immer mal wieder Konjunktur... 

 

... und zwar wann?

Immer wenn die Hirnforscher denken, dass ihre Tätigkeit eine ganz besondere kulturelle und gesellschaftliche Relevanz hat, weil sich entweder neue Theorien oder neue Darstellungstechnologien entwickelt haben. So wie jetzt die bildgebenden Verfahren.  Und eine neue Theorie?Die sehe ich derzeit nicht. Und ich vertrete weiterhin die Meinung, dass die Hirnforschung nicht in der Lage ist, zur Existenz des freien Willens ein definitives Urteil zu fällen. Einige Gehirnforscher erhoffen sich dennoch, in Zukunft auch psychische Auffälligkeiten vorhersagbar machen zu können.

 

Ist das vergleichbar mit Cesare Lombroso, der 1876 „geborene Verbrecher“ am Körperbau zu erkennen glaubte?

Der Vergleich ist keineswegs an den Haaren herbeigezogen, wobei Lombroso noch nicht die Idee der Beeinflussbarkeit der Menschen in der Zukunft berücksichtigt hatte. Seine Kriminalanthropologie sucht physische Merkmale am Menschen, die Schlüsse wie „das ist ein geborener Verbrecher“,  „das ist ein Genie“ oder „das ist ein Künstler“ zulassen. Später kam die Vorstellung hinzu, verschiedene Eigenarten einer Persönlichkeit herauszufinden, um sie dann beeinflussen zu können.

 

Mit welchem Ziel?

Wie in der Eugenik vorgegeben: Das, was erwünscht ist, wird gefördert, was sozial unerwünscht ist, wird gebremst. Diese auf die Zukunft gerichtete Vorstellung, Personen beeinflussen zu können, findet sich bis heute bei einigen Hirnforschern. Gott sei Dank sind sie die Ausnahme. Welche Gefahren birgt diese Vorstellung?Wenn wir uns aussuchen, wie jemand anderes in Zukunft sein soll – und das möglicherweise irreversibel gestalten – dann maßen wir uns an, unsere Werte, Vorstellungen und Symbole auf andere Menschen zu übertragen. Ich glaube, dass das Projekt der Eugenik eine der barbarischsten Anmaßungen in der Geschichte der Menschheit war. Und ich glaube, wenn wir diesem verführerischen Gift nachgeben, würden wir die Humanität, die wir uns erarbeitet haben und die wir immer wieder verteidigen müssen, mit Füßen treten. Diese Humanität ist nicht von vornherein für jede Generation selbstverständlich. 

 

Ihr Fachgebiet ist die Geschichte der Wissenschaft. Warum ist es wichtig, sich immer wieder auch mit der wissenschaftlichen Vergangenheit zu beschäftigen?

Die Verbrechen des Nationalsozialismus und – darüber hinausgehend – die internationale Geschichte der Eugenik sind ein offensichtlicher Grund, sich immer wieder mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Unabhängig davon halte ich Wissenschaftsgeschichte für ein besonders spannendes Unternehmen, weil sie uns immer wieder zeigt, dass bestimmte Forscher in anderen historischen Situationen auf eine ganz andere Weise gedacht und ganz andere Denkvoraussetzungen und Kategorien angewandt haben. Wissenschaftsgeschichte ist ein gutes Mittel zur Selbstdistanzierung. Und Selbstdistanzierung halte ich für einen der brauchbareren Wege, um intelligenter und reichhaltiger über das nachzudenken, was man gerade tut. 

 

Eine Frage zum Schluss: Warum wollten Sie sich bei der Kulturzone 06 beteiligen?

Nun ja: Ich fand das Projekt ein bisschen abgedreht. Aber es hat mich in seinem Mut und seiner Risikobeladenheit fasziniert. Zudem bin ich der Meinung, dass wir Wissenschaftler – seien es Naturwissenschaftler, seien es Geisteswissenschaftler – uns nicht zu verstecken haben. Sondern dass wir unsere Diskussionen in der Öffentlichkeit austragen, unsere Meinungen verständlich äußern und auch mit Nicht-Wissenschaftlern reden sollen. Zum Beispiel mit Künstlern. Wenn man wie hier die verschiedenen Ansichten, Repräsentationen und Vorstellungen einmal zusammenbringt, kommt die Frage auf: Wo kann man sich einigen und wo bleiben klare Differenzen und Divergenzen bestehen? Ich würde es gar nicht so falsch finden, wenn das bei der Kulturzone sichtbar wird.